Wendepunkt
Sozialisten und andere Aktive an der Uni Köln



Für die soziale, demokratische und kritische Aneignung der Universität

Demo Uni von Vincennes

„Weltweit wird gerade danach gesucht, jenes Leitmotiv der vergangenen Jahrzehnte mit einem neuen zu ersetzen, das naive Hyperglobalisierung mit technokratischer Verwirtschaftlichung aller möglichen Lebensbereiche vereinte. Ein Leitbild vom heiligen Markt, das mit der Finanzkrise zu kollabieren begann.“
„Mögliche Ampelkoalition: Mission für Deutschland, nur welche?“ Eine Kolumne von Thomas Fricke, Spiegel Online vom 9. Oktober 2021.

„Die Hochschule als Teil der Gesellschaft kann sich der Alternative unserer historischen Lage nicht entziehen. Entweder wirkt sie mit an der dynamischen Weiterentwicklung zur sozialen Demokratie und der Demokratisierung der Gesellschaft, oder sie wird Instrument in einer Entwicklung zu autoritären Gesellschaftsfor­men.“ (...)  Gewinnt die Universität durch Selbstreflexion die Distanz von den gesellschaftlichen Partialinter­es­sen zurück, so erlangt jener historische Bildungsanspruch neues Gewicht, der sich auf die Aufklärung menschlicher Lebensverhältnisse richtet. (…) Dieses Bildungsziel ist kein der Wissenschaft fremdes, es ist vielmehr die historische Voraussetzung und Erbschaft von Wissenschaft überhaupt: KRITISCHE RATIONALITÄT IM DIENSTE DES MENSCHEN zu sein.“
Aus der Einleitung der SDS-Hochschuldenkschrift (1961, Verlag neue Kritik), die eine wesentliche politische und analytische Grundlage für die Politisierung von 68 bildete.

„Als ich klein war, wurde ständig über ‚Vincennes‘ gesprochen, nicht um im Wald zu picknicken, sondern weil mein Vater,  der Philosoph und Schriftsteller Robert Linhart,  dort unterrichtet hat. An jener Uni, wo all die jungen Leute studiert haben, die abends zu uns nach Hause kamen und die Welt retten wollten. (…)  Innerhalb der Universität waren alle per Du. Vom Kantinenwirt bis zum Hochschulrektor, vom Studenten bis zum Professor.“
Die Filmemacherin Virginie Linhart in ihrem Doku-Film „Vincennes – Die Revolutionäre Uni.“, Frankreich 2016.

Der „heilige Markt“ hat überall ausgedient. Nicht erst seit den Erfahrungen mit einer weltweiten Pandemie. Mit Privatisierungen, Sozialstaatsabbau und Kürzungspolitik ist keine humane Gesellschaft zu gestalten, sind keine Lebensverhältnisse hervorzubringen, die gesundheitsförderlich sind, ist keine Wissenschaft zu machen, die dem Menschen dient. Gerade an den Hochschulen ist mit dem „Lockdown“ der ermüdende End­punkt dieser Entwicklung erreicht: Anderthalb Jahre lang war das Studium auf weitgehend anonymisiertes, vereinzeltes Pau­ken für die Prüfungen reduziert, sind der persönliche Austausch, das kollektive Lernen und Hinterfragen, das soziale und politische Engagement auf dem Campus hart eingeschränkt worden. Aus all dem ist zu lernen.

Mit dem Film „Vincennes – Die revolutionäre Uni“ beschreibt Virginie Linhart die aus 68 hervorgegangene Universität Vincennes, die nach nur zehn Jahren gegen den Willen von Lehrenden wie Studierenden von der französischen Regierung geschlossen wurde – an der Stelle der Universität ist heute eine Lichtung. Vincennes war eine Universität für alle, selbstverwaltet und demokratisch, in der auch ohne Abitur studiert werden konnte und an der eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung gedacht, erörtert, und ihre Verwirklichung in Angriff genommen wurde. Der Film ist ein Versuch der Re-Aneignung der Geschichte, fragt nach den Hoff­nung­en, den Träumen und den Kämpfen der 68er, deren Vorstellungen von sozialer Gleichheit, internationaler Solidarität und Frieden heute als unrealistisch gelten sollen, während gleichzeitig die Notwendigkeit eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Umbruchs wächst.

„Was bleibt ist der unbeugsame Traum einer anderen Universität, wo ohne den Druck und die  Standardardisierung der heutigen Lehre gelehrt und studiert wird. Wo man heiter und frei lernt. Auf jeden Fall ist die Lichtung zur Zeit noch frei.“
Die Filmemacherin Virginie Linhart in ihrem Doku-Film „Vincennes – Die Revolutionäre Uni.“, Frankreich 2016.